Nachdem gestern wieder unzählige Italiener (d, m, w) den Platz in Vlora stürmte und wieder, wie im letzten Jahr, alles zu parkten und sich kreuz und quer ausbreiteten, um den Platz in lautes Gebrülle zu fluten, fühlten wir uns darin bestärkt, am Folgetag abzureisen, was wir dann auch taten.
Während unserer Abreise fuhren wir erneut durch viele kleine und große Städtchen, die alle ganz zauberhaft waren, mit unzähligen Figuren und Denkmälern, u.a. für Marigo Posio, aber dazu ganz unten mehr. Weniger zauberhaft war die Verkehrslage rund um Vlora und Durrës. Allerdings versüßte uns ein kleines albanisches Mädchen im Auto vor uns die Fahrt. Sie steckte immer wieder ihren Kopf aus dem Fenster und lächelte verlegen, wenn wir lächelten. Dann steckte sie plötzlich den Kopf raus und fing an auf einer Kinder-Blockflöte zu Pfeifen. Keine Melodie, einfach Töne. Aber alle drum herum, inklusive uns, mussten darüber grinsen.
Als wir dann an der Grenze zu Montenegro ankamen stellten wir verwundert fest, dass unzählige Bettler (d, m, w) an die Scheiben und Türen der wartenden Autos klopften. Alle mit wehleidigem Blick und brüchiger Stimme. Vermutlich wurden sie danach von einem Bus abgeholt, dem sie dann die Hälfte der „Einnahmen“ abdrücken dürfen. Klar, arme Menschen, aber hätten wir noch Lek gehabt, was nicht so war, dann hätten wir das lieber einem schwer schuftenden Opa gegeben oder eine Omi, die am Gemüsestand am Straßenrand schwitzt, statt bettelnden Menschen. Ein älterer Mann im Rollstuhl war aber ganz cool. Er hielt seine Hand hin, sagte mit normaler Stimme „Lek Albania?“ Wir schüttelten den Kopf, woraufhin er sagte „Oh, nix?“ Wir lachten, er lachte und zeigte den Daumen hoch und rollte weiter.
Statt unser Geld Bettlern in die Hand zu drücken, haben wir nämlich für 15.000 Lek getankt und dem Tankwart ein Trinkgeld gegeben, der alles für uns regelte und an einem komplizierten Tankautomaten die entsprechende Summe für uns eingab.
Die Grenze war im Übrigen sehr putzig. Alles, wirklich alles war Lila angemalt. Der Bürgersteig, Blumenkübel und sogar die Mülltonnen. Kontrolliert wurden wir dann gar nicht, es ging alles ganz fix und schon waren wir in Montenegro.
Dort steuerten wir zielstrebig einen Supermarkt an, der im Netz hochgelobt war. Dort angekommen war ich schon wieder mega genervt. Ein überfüllter, extrem enger Markt, in dem sich schwitzende Menschen eng aneinander vorbeischoben. Schlangen an allen Theken, lahme Arbeitskräfte und chaotisch zugestellte Gänge. Man bekam alles, aber was frisches Obst und Gemüse anging war die Auswahl gering und vor allem gammelig. Ich glaubte das letzte Gemüse zusammen, das noch nicht ranzig war und ging zu den Waagen, um selbiges abzuwiegen. Dort standen zwei Waagen und eine Mitarbeiterin wog für die Kundschaft gaaaaaanz gemütlich alles ab, sodass dort auch eine lange Schlange war. Als Deutscher war mir das mit warten und dieser Gemütlichkeit natürlich zu blöd, ich mach ja keinen Urlaub im Supermarkt ich will da fix rein, einkaufen und wieder raus. Also nutzte ich die zweite Waage in Eigenregie und wog meine Paprika ab. Und zack, meckerte mich die gute Dame auf Landessprache an. Ich erwiderte dann auf Deutsch, dass sie mit mir doch bitte Deutsch oder Englisch sprechen solle und ging zu den Zwiebeln, füllte die Tüte und wog sie erneut selbst ab. Und wieder Gezeter durch die lahme Dame. Unbeirrt ging ich zu den Tomaten und wiederholte das Spielchen, dann zog sie die Tüte aus meiner Hand und kontrollierte, ob ich auch die richtigen Nummern eingab. Ich habe somit nicht nur schneller alles abgewogen, sondern auch noch die Mitarbeiterin so sehr auf Trab gehalten, dass kein anderer Kunde abgearbeitet wurde.
Nach Beendigung des Einkaufs lief ich noch kurz zu einer Tanke nebenan, da es dort Sim-Karten gab. Somit haben wir wieder ein Touri-Pack. Sieben Tage, 500GB, 10 Euro! Letztes Jahr hatten wir für gefühlt 1 MB 5 Euro gezahlt. Auf jeden Fall war das Datenvolumen schneller aufgebraucht als wir gucken konnten und wir waren nur eine Nacht in Montenegro.
Dann gings weiter, mit einem kleinen Umweg wegen einer Sperrung, zum Campingplatz Tropicana, der unmittelbar am Strand liegt. Auf dem Weg zum Platz hielten wir noch an einem Straßenverkauf, um weiteres Gemüse zu kaufen. Ärgerlich, dass wir nicht alle frischen Produkte direkt am Straßenrand gekauft haben. Immer wieder denken wir uns das, aber alles in einem Laden ist halt so bequem.
Am Platz angekommen öffnete uns ein dicklicher Herr die Schranke, lief dann aber vor uns weg, sodass wir nicht nach Preisen fragen bzw. uns anmelden konnten, also suchten wir uns selbst einen tollen Platz in erster Reihe aus, bestaunten den Sonnenuntergang und dachten: Es wird schon jemand kommen und uns das Geld abknöpfen! Und so war es auch.
Als ich heute Morgen draußen alles aufbaute kam der Inhaber und sprach mich auf perfektem Deutsch an. Ich meldete uns an und zahlte 50 Euro für zwei Nächte, obwohl wir vermutlich länger bleiben wollen. Dann fragte ich, wo ich was finde: Duschräume, Bäcker, etc.
Er erklärte mir alles, zeigte mir sogar Wege auf seinem Handy und empfahl mir einen Bäcker, der zwar 500 Meter weiter weg sei als andere Bäcker, aber das sei ein „richtiger“ Bäcker. Ich bin gespannt, ob dieser die Ankündigung wahrmachen wird oder ob es wieder nur labberiges Weißbrot gibt.
Gestern standen noch Berliner neben uns. Neben Berlin fühlt sich Potsdam einfach am Wohlsten. Aber heute Morgen zog die Familie dann in die zweite Reihe um, da dort Schattenplätze sind. Sie schickten dann ein kleines Mädel los, vielleicht 6 Jahre, um die Kühltruhe zu holen, die noch am Strom neben uns angeschlossen war. Als das Mädel dann anfing die viel zu große und schwere Truhe zu ziehen rief die Mutter, dass sie zuerst noch das Stromkabel rausziehen müsse. Da das Mädchen dies akustisch nicht verstand, wiederholten der Vaddi und der Bruder selbiges, statt dem kleinen Kind einfach zu helfen. Als dieses dann Verstand was zu tun war, rief ein Mann vom Platz neben an „Typisch Frau“.
Bei dieser chauvinistischen Aussage eines kleinen Pimmels mittleren Alters gegenüber einem fremden, kleinen Mädchen, die einfach ihren Eltern helfen wollte, kam mir ein bisschen die Kotze hoch!
Infos zu Marigo Posio
Marigo Posio war eine Aktivistin der albanischen National- und Unabhängigkeitsbewegung sowie eine der führenden Aktivistinnen der Frauenrechtsbewegung Albaniens. Sie gilt als Näherin der Flagge Albaniens, die Ismail Qemali während der albanischen Unabhängigkeitserklärung in Vlora am 28. November 1912 hisste. Dies ist jedoch nicht bewiesen. Möglicherweise schmuggelte sie die Flagge auch „nur“ ins Land und vervielfältigte sie dann. Sie war darüber hinaus 1909 eine der Gründerinnen der albanischen Schule von Vlora. Unter dem Vorwand dort Nähunterricht zu erteilen, unterrichtete sie die albanische Sprache und brachte Mädchen das Lesen und Schreiben bei. Am 23. Februar 1932 verstarb sie in Vlora.
Ja, man kann manches erleben beim Campingurlaub
Das stimmt! Nachdem ich den Text geschrieben hatte, habe ich noch viel „dollere“ Sachen erlebt! Das folgt in Teil 14! 🙂